Nordseezeitung  -  30. April 2002

von Hannelore Ahorn

zu der Ausstellung „Heimspiele“, Galerie 149, Bremerhaven, 2002

Der Traum von Arkadien ist in ein Küchentuch eingearbeitet

 

Sabine Kürzel zeigt ihre Ausstellung „Heimspiele“ in der Galerie 149 – Die Künstlerin legt eine naturalistische Bestandsaufnahme vor

Bremerhaven. Mein Haus, mein Zaun, meine Auto-Pergola, mein Kind, meine Geschirrtücher, meine Gardinenmuster! Die Duftmarken des aufrecht gehenden Neuzeitprimaten tummeln sich mitleidlos realistisch auf Bildern der 38jährigen Sabine Kürzel, die gegenwärtig in der Galerie 149 in Bremerhaven ausstellt.

 

Nach Kunststudien in Braunschweig und Hamburg ließ sich die Stuttgarterin in Osnabrück als freie Künstlerin nieder und stellte fest, dass die Häuslebauer ihren Claim nicht nur im Schwabenland säuberlich und beflissen abstecken. Reinliche Zäune, geputzte Fenster mit Spitzengardinen und andere Besonderheiten aus der Gegend von Osnabrück hat Sabine Kürzel fotografiert, in Reihe gebracht, zerschnitten und neu zusammen gefügt.

 

Und siehe da: In solchen Nachbarschaften gibt es viele Gemeinsamkeiten: gleiche Schornsteine, gleiche Fenstergrößen, gleiche Geschirrtücher – und gewiss auch gleiche Bausparverträge zu gleichem Zins. Individualität ist, wenn die eigene Scheibengardine eine andere Höhe hat als die der Nachbarin, oder – so darf man mutmaßen – wenn der eigene Grill der größte ist, die eigene Wäsche die sauberste. 

 

Dem Kultgegenstand „Geschirrtuch“ setzt Sabine Kürzel würdige Denkmäler: Karo-Muster, auf Nessel oder MDF-Platte gemalt, halten Illusionen lebendig. Ein Hauch von Arkadien schleicht sich ins Trockentuch – als Postkartenmotiv einer südlichen Stadt: Ein Schweißtuch sozusagen, getränkt mit allen Küchenliedern und lyrischen Gedichten, die je aus den Mündern abtrocknender Hausfrauen hervorgingen. Im Zeitalter der Spülmaschinen kam auch diese alte Kultur zum Erliegen.

Trügerisch auch der Traum vom Kind. In Gestalt von Stoffdrucken auf Nessel tummeln sich internationale Postkartenmotive auf den Bildflächen: Kind mit Spielzeug, Kind mit Pferd, weltumspannendes Ideal von Jugend. Gutes Kind in guter Natur – das braucht auch gute Familie in guter Kleidung. An Haken hängen große Objekte, in freiem Spiel ein kleiner Knubbel: Die plastischen Textilarbeiten ähneln nur Kleidungsstücken. Aufwendig, bunt und bommelig machen sie viel Aufhebens und erweisen sich doch beim ersten Knuff als Ausgeburten der Sofakissenzeit.

 

Künstlerin Sabine Kürzel lächelt nicht einmal, wenn man sie auf den ironischen Gehalt ihrer Arbeiten anspricht. Ernsthaft beteuert sie, dass sie lediglich die Wirklichkeit beschreibe. In solche Bestandsaufnahme gehörten natürlich auch die Sehnsüchte und Träume, selbst wenn sie sich dann als Klischees erweisen. Ironie sei nicht ihre Absicht, wäre für sie auch Anmaßung. „Schließlich stecken wir alle da drin“, sagt sie und äußert sich damit ebenso wie andere Künstler ihrer Generation.

Da ist was dran. Es gibt nichts mehr zu lachen im Zeitalter der Sofakissen, Geist und Gefühl sind längst erlahmt. Als man vor 150 Jahren Gott für tot erklärte, war dies die Geburtsstunde der Ironie. Nun ist also auch sie fällig, die Ironie, der Abgott der Intellektuellen, der Spaß auf kosten anderer.

 

Die Künstler merken es als erste und setzen es ins gnadenlos langweilige Bild: Selbst die eigene Belustigung garantiert keine Kurzweil. Erst recht täuscht sie nicht über die Zäune hinweg, welche nur eines schützen: Die Einöde des Ewiggleichgültigen. Denn die Wüste sind wir. 

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Sabine Kürzel

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